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HÄUSLICHE GEWALT - Eine Mutter erzählt

Diese unglaubliche Geschichte hat sich in Südtirol zugetragen.

Häusliche Gewalt
Frau jahrelang von Ehegatten verprügelt und vergewaltigt. Ihre Geschichte erzählt sie unter einem anderen Namen

Renate (54)

 

26 Ehejahre waren eine schreckliche Zeit

 

Renate, eine 54-jährige Frau aus Südtirol, beginnt ihre Geschichte mit ihrer Hochzeit. Ich war 19 Jahre alt, habe mich verheiratet. Ich wollte nicht heiraten, aber ich war schon im dritten Monat schwanger, mit meiner ersten Tochter. Die Frau äußert, dass sie sich gezwungen fühlte zu heiraten, obwohl sie den Vater ihrer noch ungeborenen Tochter nicht liebte.

Sie erzählt, dass dieser Mann schon damals gewalttätig war und viel Alkohol konsumierte. Er war ein Mann, der besoffen war, aber nicht so viel. Ende der Woche, am Samstag einmal. Dann ist die Zeit weitergegangen und er hat immer mehr getrunken. Meine Ängste waren, wenn er nach Hause kommt, dann hat er geschlagen. Das war von Anfang an so. Er hat mich geboxt, mit den Füßen getreten. Ich hatte überall Schmerzen und ich durfte auch nicht ins Krankenhaus gehen oder eine Anzeige machen. Ich hatte Angst was dann passieren würde.

Gemeinsam mit diesem Mann hat sie insgesamt sieben Kinder. Auf meine Frage hin, ob sie so viele Kinder wollte, sagte sie, dass sie gezwungen war und dass sie das nicht so gewünscht hatte.

Die Kinder haben die Gewalt, die er ihr gegenüber ausübte, stets mitbekommen. Wie ich meine Kinder schreien hörte, wenn er mich angegriffen hat. Er hat mich immer vor meinen Kindern geschlagen, ohne Probleme, ohne nichts. Gewalttätig war er jedoch nur seiner Frau gegenüber. Nein, meine Kinder durfte er nie anfassen. Weil ich habe mich vor meine Kinder gestellt. Ich habe sie sehr viel beschützt meine Kinder. Mehrmals berichtet Renate von einer Episode, in der ihr Ex-Mann seinen eigenen, damals 10-jährigen Sohn, mit einem Messer bedrohte. Renate hat sich vor ihren Sohn gestellt und zu dessen Vater gesagt: „Erster tust du mich und dann, wenn du noch genug Kraft hast, dann kannst du gegen deinen Sohn.“ Die Kinder erlebten die Gewalt ihres Vaters gegenüber der Mutter jahrelang mit. Renate erzählt, dass sich ihre Tochter noch daran erinnert, dass die Mutter ihm jeden Morgen ein Glas Wein zum Frühstück auf den Tisch stellen musste, da es ansonsten wieder Schläge gegeben hätte.

Ich konnte auch mit niemanden reden, keinen Kaffee trinken gehen, keine Freundin haben, gar nichts. Er hat mich isoliert, ja, ganz isoliert. Ich war nur mit meinen Kindern, ich konnte lachen mit meinen Kindern, aber mit meinem Ex konnte ich nie lachen. Er hat mir auch nie gesagt, dass er mich liebt, oder dass er mich gern hat. […] Ich durfte auch nicht Deutsch sprechen. Meine Muttersprache, die Sprache von meiner Mama und von meinem Papa war Deutsch, aber ich durfte mit meinen Kindern nicht Deutsch sprechen. Nur Italienisch. Er hat mir verboten Deutsch zu sprechen. Für ihre Kinder tut es ihr sehr leid, dass sie deshalb Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, die, ihrer Meinung nach, hier in Südtirol vor allem was Arbeitsplätze betrifft, sehr wichtig ist.

Renate hatte keine Freiheiten, sie ging nie irgendwohin. Deshalb ist heute ihre Orientierung sehr unsicher. Mit ihrem neuen Freund lernte sie erstmals ein paar Orte in Südtirol kennen, da sie viele Jahre lang sozusagen eingesperrt war. Meine Angst auch wenn ich einkaufen gegangen bin, musste ich immer schnell schnell machen, weil wenn ich eine Minute später gekommen bin, dann wäre es wieder losgegangen.

Ihr Ex-Mann war täglich betrunken und aggressiv. Sie erzählt auch von den Nächten, in denen sie für ihren Mann und seine Freunde aufstehen und kochen musste. In der Nacht, in der Früh musste ich aufstehen und kochen, alle besoffen. Wenn ich nicht aufgestanden bin, dann habe ich Schläge bekommen.

Renate hat einen sehr starken Glauben, doch ihr Ex-Mann hat ihr verboten diesen auszuleben. Ich wollte in meinem Zimmer ein Kreuz aufhängen. Jetzt habe ich eines und habe eine Freude. Durfte ich auch nie. […] Ich habe innerlich gebeten. Ich durfte nicht laut beten. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben.

Er war auch in der Schwangerschaft immer gewalttätig. Ich habe ein Kind im vierten Monat verloren. Ich habe es gesehen. Er war so groß (zeigt wie groß das Kind war). Ich habe es zu Hause verloren. Ich hätte neun Kinder gehabt. Eines habe ich im zweiten Monat verloren. […] Er hat mich so geschlagen, auf den Bauch gestoßen.

Laut Renate war der Vater ihres Ex-Mannes ebenfalls ein gewalttätiger Alkoholiker, der seiner Frau gegenüber gleichermaßen Gewalt ausübte. Renates Ex-Mann hat immer gesagt, dass er noch schlimmer werden würde als sein Vater. Sein Vati, er hat ihm das Trinken gelernt. Mit 12 Jahren hat er angefangen. Ihre Schwiegermutter war trotzdem nicht auf Renates Seite. Wenn sie die Familie besuchte, dann nur um die Wohnung zu kontrollieren und Renate zu kritisieren, nicht aber um ihre Enkel zu sehen.

Auch von ihrer eigenen Herkunftsfamilie konnte Renate keinen Rückhalt erwarten. Nein, ich war ganz alleine, auch nicht von meinen Geschwistern, gar niemand. Mein Papa ist gestorben, als ich 22 Jahre alt war, meine Mama habe ich nicht viel gesehen. Wir hatten keine gute Beziehung. Was mir von meiner Mutter gefehlt hat war die Zuneigung, sie war nie da, wenn ich klein war. Von klein auf hatte ich kein gutes Leben. Ich habe einen Menschen gesucht, der mir Zuneigung gibt, die mir gefehlt hat. Das war nicht der richtige Mann.

 

Im Jahr 2000 ging Renate, nach 19 Jahren Ehe, das erste Mal zum Rechtsanwalt, weil sie sich dazu entschlossen hatte, sich von ihrem Mann zu trennen. Das habe ich ganz alleine entschieden, ohne Hilfe, ohne nichts. Das Gericht sagte ihr, dass sie ihm nochmal eine Chance geben soll. Daraufhin ließ sie sich überreden. Ich habe mir gedacht, dass er vielleicht Angst bekommt, dass er sieht, dass ich echt etwas mache. Aber nichts. Es hat nicht funktioniert. Sie ist immer schlimmer geworden, die Situation.

Sieben Jahre später, somit im Jahre 2007, suchte sie zum zweiten Mal einen Rechtsanwalt auf. Alleine habe ich das entschieden, ich habe es nicht mehr geschafft. Vorher habe ich es für meine Kinder ausgehalten, danach habe ich gesagt: „Und ich?“ Ich muss auch auf mich selber schauen. 2007 habe ich es nicht mehr geschafft. Wie die Kinder reagieren, wusste Renate zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Alleine entschied sich trotzdem dazu, ihren Mann zu verlassen. Ich habe ganz alleine entschieden zu gehen und habe alles gemacht. Ich alleine, ohne meine Kinder, ohne jemanden zu fragen, gar nichts. Am Anfang war es sehr schwierig für die Kinder, nicht alle konnten ihre Entscheidung gleich akzeptieren. Ich habe gesagt, dass ich das nicht mehr will, dass ich das nicht mehr schaffe. Ich hatte einfach genug. Als ihr Mann den Brief vom Anwalt erhielt, spuckte er seiner Frau ins Gesicht. Doch mittlerweile hatte sie keine Angst mehr, sie war froh, dass sie die Kraft aufgebracht hatte sich zu trennen.

Renate wusste zwar, dass es Frauenhausdienste gibt, die Frauen in Gewaltsituationen helfen. Sie jedoch wollte keine Hilfe, auch nicht von Freunden oder Bekannten. Ganz alleine habe ich das geschafft. Das sind meine Kinder, meine Kinder muss ich aufziehen. Dann waren die Kinder hauptsächlich der Grund, dass ich gesagt habe, dass ich mich trennen muss. Sie wollte auch verhindern, dass ihre Töchter und Söhne denselben Weg einschlagen wie ihr Vater. Die Kinder gaben ihrer Mutter immer sehr viel Kraft, wie auch der Glaube zu Gott. Wobei die Religion auch ein Grund war, wieso Renate mit der Scheidung so lange gewartet hatte. Ich wusste nicht, ob das jetzt richtig ist oder falsch. Aber ich habe gesagt: “Gott verzeihe mir.“ Er sieht ja wie ich leide, diesen Schritt muss ich jetzt machen. Sie ist auch stolz darauf, dass sie diese Zeit der Gewalt ohne Drogen und ohne Medikamente überstanden hat.

Außerdem war sie mit ihrem Ex-Mann zweimal bei einer Familienberatungsstelle, um dort über die problematische Beziehung zu sprechen. Nach zweimal ist er nicht mehr gegangen. Er hat gesagt, es interessiert ihn nicht. Aber ich bin immer gegangen, zu reden und alles. Dann habe ich es nicht mehr gebraucht.

Auf meine Frage hin, ob man sich an die Gewalt gewöhnt, ob einem in dieser Situation eigentlich bewusst ist, welch schlimme Sachen man erlebt, sagte Renate: Ich denke, ich durfte nie etwas reden. Wenn ich geredet habe, dann habe ich immer das Falsche gesagt, wenn ich etwas gemacht habe, dann habe ich es falsch gemacht. Was machst du dann? Du bleibst still und machst was er sagt, was er will. In dem Moment denkst du nur an die Kinder. Ich mache es nur für meine Kinder. Probieren wir, schauen wir. Ich konnte nie reden mit ihm, er hat immer Recht gehabt. Noch heute begleitet Renate die Angst etwas falsch zu machen oder etwas Falsches zu sagen.

Nach drei Jahren Trennung ging Renate wieder zu einem Anwalt, weil sie die Scheidung einreichen wollte. Dieser gab ihr jedoch die Information, dass sie das nur dann darf, wenn sie wieder heiraten will oder wenn sie mit einem anderen Mann zusammenlebt. Daraufhin wandte sie sich an einen anderen Rechtsanwalt. Dieser versicherte ihr, dass sie sich scheiden lassen kann, wann immer sie möchte. Das mach ich gleich. Weil ich wollte alles zumachen. Nicht nur Trennung, denn Trennung bedeutet nur, dass man noch etwas von der anderen Person ist. Wenn man sich scheidet, dann ist alles fertig.

 

Bis vor drei-vier Jahren ließ ihr Ex-Mann sie dennoch nicht in Ruhe. Er stellte ihr nach, kontrollierte sie und beschimpfte sie auf der Straße. Das erste Mal zeigte sie ihn an, als er sie beschimpfte, während sie an der Bar vorbeigegangen war, in der er sich aufhielt. Die Polizei hat mir gesagt: „Weißt du was du machst, du gehst auf die andere Seite.“ Renate konnte das nicht verstehen, aber damit er sie in Ruhe ließ, wechselte sie ein-zwei Jahre lang die Straßenseite, sobald sie ihn gesichtet hatte. Dessen ungeachtet hörte er nicht damit auf ihr aufzulauern und sie auch bei der Arbeit zu belästigen. Dann habe ich eine Anzeige gemacht und danach hat er eine Wegweisung bekommen. Er durfte nicht in meine Wohnung gehen, oder in die Nähe der Wohnung. Er musste mich in Ruhe lassen.

 

In diesen ganzen Jahren unternahm nie jemand etwas gegen die Situation der Familie. Die Lehrer wussten es schon, die Probleme, was war. Sie haben nichts getan. Vielleicht haben sie sich nicht getraut, niemand. Die Personen, die mit Renates Ex-Mann befreundet waren, waren auf seiner Seite. Auch die Schwiegermutter, die viel von der Gewalt mitkriegte, mischte sich nie ein. Sie hat alles gewusst. Ich habe auch blaue Augen gehabt. Wieso reagieren die Menschen nicht, auch wenn sie mich mit blauen Augen sehen. […] Oder sie sagen nur: „Tu das nicht mehr.“ Nichts weiter. Sie haben nie anonym bei der Polizei angezeigt, nie, nie, nie. Niemand, niemand, niemand. Vielleicht haben sie Angst gehabt, ich weiß es selber nicht warum. Die Menschen mischen sich nicht ein. Privatsache. Aber das ist nicht richtig.

Ihr Ex-Mann liegt zum Zeitpunkt des Interviews, aufgrund der Folgen seiner Alkoholsucht, im Sterben. Zu ein paar seiner Kinder hat er ein gutes Verhältnis, zu anderen weniger. Für Renate ist es das Wichtigste, dass sich die Kinder nicht die Schuld für den Zustand des Vaters geben. Sie betet auch in diesem Moment für ihren Ex-Mann. Er hat ihr zwar sehr wehgetan, aber sie hasst ihn trotzdem nicht.

Einer Frau, die Ähnliches erlebt hat wie sie selbst, rät sie: Arme Frau, nimm den Mut und geh weg. […] Ich bin lange geblieben. 26 Jahre sind viele. Manchmal denke ich 26 verlorene Jahre.

 

Renate beendet ihre Geschichte damit, dass sie dankbar ist, dass ihr Gott die Kraft gegeben hat, diesen großen Schritt aus der langjährigen Gewaltbeziehung zu machen. Ich habe ihn gemacht und jetzt bin ich sehr froh und jetzt genieße ich mein Leben.


2016 - Interview und Autorin: Nadia Genco